29. Juni 2020

Warum ich keine Diäten mehr mache

Fragen, Intuitive Ernährung, Stressabbau

8  Kommentar(e)

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Wenn Du eine Diät machst, dann solltest Du diesen Vorher-Nachher Effekt kennen. Außerdem findest Du hier Tipps, wie Du auch ohne Diät abnehmen kannst – aber vor allem diätfrei ein glücklicheres Leben führen wirst. 

Anfang Januar geht es für einen Großteil der Bevölkerung nur um eins: Abnehmen, fit werden, den Überfluss des letzten Monats ausgleichen, gute Vorsätze und ganz viel Verzicht. Selbst wer nicht mitmacht, wird an jeder Ecke mit dem Thema konfrontiert:

Discounterangebote an Fitnessausstattung, reduzierte Light-Produkte oder Mahlzeitenersatzshakes zum Schnäppchenpreis. Denn jeder weiß: in den westlichen Ländern herrscht ein zunehmendes Übergewichtsproblem und dem kann und muss man mit Diät und viel Sport begegnen.


Eine einfache Formel fürs Abnehmen

Es ist ja auch ganz einfach: weniger Kalorien aufnehmen als man braucht und gleichzeitig durch Sport mehr verbrauchen. Rein rechnerisch ist so bis zum Sommer die Bikinifigur kein Problem. Es ist alles eine Frage des Durchhaltens und eisernen Willens. Man muss nur den Schweinehund überwinden und sich erfolgreich einreden, dass Blumenkohlpizzaböden sogar leckerer sind…

Und da das in der Theorie so einfach ist, bleibt auch nur eine logische Schlussfolgerung: Wer immer noch zu dick ist, der ist daran selbst schuld. Der hat es einfach noch nicht ernsthaft genug versucht, der ist zu schwach, der hat keine Willenskraft. Als jemand, die mit einer Diät ihr Übergewicht in den Griff bekommen hat, waren das auch meine Gedanken. Doch das hat sich geändert…

Meine Diätkarriere

Wenn von 36 Lebensjahren 25 zur Diätenkarriere gehören, dann kann man wohl von Erfahrung in diesem Bereich sprechen. Eine ganze Liste von verschiedenen Diätformen habe ich ausprobiert.

  • Vom Lächerlichen (Pu-Erh-Tee-Kapseln)
  • über die 7-Körner-Diät (genauso furchtbar, wie es klingt)
  • vorbei an Shakes zum Mahlzeitenersatz
  • und der Kohlsuppendiät (geht nur mit tapferen Mitbewohnern…)
  • Kalorienzählen
  • Weight Watchers
  • bis hin zum Fasten (ein schickes Wort für Nulldiät)
  • und schließlich Low Carb erstreckte sich meine Laufbahn.

Mit gezieltem Sport und einer gemäßigten Reduktion der Kohlenhydrate habe ich es dann 2008 geschafft, von Größe 48 auf Kleidergröße 38 zu schrumpfen. Sogar nach drei Schwangerschaften bin ich bei Größe 40 geblieben.

 Nun könnte man also zwei Einwände bringen, warum ich überhaupt diesen Artikel schreibe:

  1. Wenn ich meinem alten Übergewicht ferngeblieben bin ist es ja logisch, dass ich auch keine Diäten mehr mache, oder?
  2. Wenn ich doch erfolgreich mit einem Konzept war, wieso empfehle ich das jetzt nicht all denen, die nicht mal von Größe 40 zu träumen wagen? Warum schreibe ich stattdessen einen Artikel, der sich noch als gemäßigtes Wettern gegen die Diätmentalität entpuppen wird?

Das Problem mit dem Gewichthalten

Nun, dem ersten Einwand kann ich damit begegnen, dass von der dritten Schwangerschaft ein paar beharrliche Kilos zurückblieben. Nicht genug, um wesentlich größere Hosen kaufen zu müssen, aber genug, um sich damit nicht wohl zu fühlen.

Insofern läge es also nahe, dass ich mein altes Programm nochmal zücke und verzichte. Innerhalb weniger Monate sollten die paar Kilos ja kein Thema mehr sein.

Doch – und damit komme ich zur Antwort auf den zweiten Einwand – nach den vielen Jahren des Mühens und Kämpfens mit der Ernährung habe ich etwas gelernt:

Diäten (egal wie abgefahren oder gemäßigt) gehen nicht das Grundproblem an, sondern mutieren sogar zum Hauptproblem. Außerdem weiß ich inzwischen, dass ich zu einer zwar sehr glücklichen, aber auch sehr geringen Minderheit gehöre: Denn für 95-98% aller Diätabsolventen gehört das Halten des Wunschgewichtes über fünf Jahre gesehen nicht zur Realität.

Vielmehr belegen zahlreiche Studien, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das abgenommene Gewicht – meist mit Verstärkung – wieder einfindet. Manche gehen inzwischen so weit zu sagen, dass Diäten der beste Weg sind ZU zu nehmen.¹

Lass uns also mal schauen, warum das so ist.

Kampf gegen die Biologie

Offenbar bin ich nicht die Einzige, die bei Ernährungsbeschränkungen, Verboten und Auflagen irgendwann ins Rutschen kommt. 

Denn unser Gehirn nimmt den Schutz vor dem Verhungern durchaus ernst und hat interessante Wege, das umzusetzen. Dabei ist er wenig an der äußeren Erscheinung und ausschließlich am Überleben interessiert.

Ganz nebenbei scheint auch der für Willenskraft zuständige Bereich im Gehirn besonders abhängig vom Blutzuckerspiegel zu sein.² Ausgesprochen blöd, dass man während einer Diät besonders mit niedrigem Blutzuckerspiegel (Hunger) die meiste Willenskraft benötigt…

Der Kampf gegen die Kilos hat demnach einen unerwartet starken Gegner: Den eigenen Körper.

Die Hungerstudie von Ancel Keys

Augen öffnend fand ich eine Studie aus den 1940er Jahren, bei der die Auswirkungen von langen Hungerphasen auf Soldaten untersucht werden sollten.

Starke junge Männer der Marke „Kann essen was er will“ sollten für mehrere Monate täglich nur etwa 1600 kcal zu sich nehmen. Diäterfahrene runzeln an dieser Stelle die Stirn und fragen „So viel?!?“

Die Auswirkungen dieses Experiments auf die körperlich und geistig top fitten Studenten waren haarsträubend:

  • Essen wurde der neue Fokus im Leben.
  • Heißhungeranfälle
  • Essattacken
  • verschobenes Selbstbild
  • Depression
  • Unfähigkeit sich zurückzuhalten
  • und langfristiges Übergewicht waren nur einige der Folgen.

Die Studie gilt nach heutigen Massstäben als unethische Hungerstudie, die so nicht wiederholt werden darf. Und das mit 400 kcal mehr als der Reduktionskost im Krankenhaus…

Kampf gegen die Psychologie

Besonders der psychologische Aspekt von Diäten wurde durch die Studie überraschend deutlich. Was ist die automatische Reaktion auf die Bitte, NICHT an einen blauen Elefanten zu denken? Was passiert, wenn man alles essen kann außer Äpfeln?

Auch wer sich nichts aus Äpfeln macht, hat durch ein Verbot plötzlich ein größeres Interesse. Das Einschränken von bestimmten Lebensmitteln hebt sie für das Gehirn besonders hervor. Und deshalb erfordert es eine Menge Willenskraft, um die verbotenen, ungesunden Lebensmittel nicht zu essen.

Eine Weile gelingt das Verzichten. Man fühlt sich gut, nimmt etwas ab, hat sich und das Leben unter Kontrolle und kann das Ziel klar vor Augen sehen. Der Beweis, dass die Diät funktioniert.

Doch nach ein paar Wochen versetzen Erschöpfung oder Stress diesem Hochgefühl einen Dämpfer. Und die Folge ist in der Regel, dass Du alles isst, was so lange verboten war. Oder Du kann nach dem einen erlaubten Keks nicht aufhören und isst vier weitere. Was nun folgt hielt ich jahrelang für ein sehr persönliches Zeichen meiner Unzulänglichkeit, doch kommt interessanterweise Kulturen übergreifend vor: Die „Jetzt ist auch alles egal“ Reaktion, die eine direkte Folge von Diäten ist.

„Jetzt ist auch alles egal“

Statt sich mit den zusätzlichen 300 kcal von vier unerlaubten Keksen abzufinden, legt sich jetzt ein Schalter um: Der eigentlich Abnehmwillige isst, was immer an nicht erlaubten Lebensmitteln in Reichweite ist. Alles mit einem schlechten Gewissen und dem Gefühl des Versagens. Und natürlich mit dem festen Vorsatz, ab morgen/nächste Woche/nach Silvester mit engeren Regeln das Versagen wieder auszubügeln.

Durch diese „Jetzt ist auch alles egal“ Reaktion werden dann mal locker Tausende von extra Kalorien aufgenommen – ein Vielfaches der auslösenden vier Kekse. Und so beginnt der Kreislauf von vorn.

Allein an dieser völlig normalen Reaktion wird wohl deutlich, warum Diäten meist eine langfristige Gewichtszunahme bedeuten.

Das eigentliche Problem

Das viel tiefer liegende Problem ist normalerweise nicht, was wir essen. Bei genauer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die meisten überflüssigen Kalorien woanders herkommen: Wir essen aus anderen Gründen als Hunger.

Ich empfand es oft als große Diskrepanz, wenn ein Programm versprach, dass man garantiert keinen Hunger haben würde. Das mochte wohl sein, aber was sollte ich mit meinem Appetit machen? Der erschien mir ein viel größeres Problem und war natürlich besonders stark auf die verbotenen Lebensmittel gerichtet.

Inzwischen weiß ich, dass die meisten dieser Fälle in die Kategorie des emotionalen Essens fallen. Und das hat mit körperlichem Hunger ungefähr so viel zu tun wie Blumenkohlpizzaboden mit echtem Teig. Eine Diät hilft mir nicht zu unterscheiden, ob echter Hunger oder ein bestimmtes Gefühl die Walnüsse/Möhrensticks/Schokolade begehrt.

Ein Lösungsansatz

Nun könnte man niedergeschlagen fragen, was denn nun der Weg aus dem Übergewicht sein soll, wenn Diäten es nicht sind. Nach allem, was ich bisher dazu gelernt habe, glaube ich, dass eine Kombination aus eher unpopulären Methoden langfristig das Gewicht reduzieren. Und vor allem auch zu einem entspannten, gesunden und emotional reguliertem Umgang mit Essen führen:

Ist es also völlig egal, was ich esse?

Ja und nein. Wie gesunde und intuitive Ernährung zusammenpassen, das findest Du im Artikel über gesunde intuitive Ernährung.

Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Artikels stand ich noch ganz am Beginn dieses Lernprozesses. Wie sich mein Lernprozess in den folgenden Jahren auf meine Lebensqualität und mein Gewicht ausgewirkt haben, das findest Du hier:

Intuitive Ernährung- Ein Jahr danach

Wenn Du Dich in diesem Artikel wiederfindest und aus der ewigen Spirale von Diäten ausbrechen möchtest, dann darfst Du Mut fassen.

Es ist nicht das eigene Versagen, wenn eine Diät nicht funktioniert. Diäten sind das falsche Werkzeug.

Josie Spinardi

Schau Dich in meinen Artikeln zu diesem Thema um und begib Dich selbst auf eine Reise in die Freiheit. Es hat vier Jahre gedauert, aber das entspannte, natürliche Essverhalten ohne Druck, Krampf und Stress war alle Mühe wert.

ES GEHT AUCH ANDERS

Mit diesem kostenlosen Ebook erhältst du eine Einführung in die Grundlagen der Intuitiven Ernährung anhand meines persönlichen Wegs weg von Diäten in ein befreites Essverhalten. Außerdem findest du weitere Hilfen im kostenlosen VIP Bereich als Dankeschön für deine Anmeldung zu meinem Newsletter. Eintragen und loslesen!

¹Josie Spinardi, 2014, How to Have Your Cake and Your Skinny Jeans too: Stop Binge Eating, Overeating and Dieting for Good, Get the Naturally Thin Body You Crave From the Inside Out

² Darya Pino Rose, 2015, Foodist: Using Real Food and Real Science to Lose Weight Without Dieting


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  1. Ich hab mir gemäßigtem Low Carb seit 1,5 Jahren echt gute Erfahrungen gemacht. Von Größe 46 auf 38 runter und das seit 9 Monaten gehalten. Viel Genuss, keine Kalorien zählen, Cheat Day der davor bewahrt es zu übertreiben. Und einfach dem Verständnis dass es eben keine Diät ist, sondern eine dauerhafte Ernährungsweise mit der es mir einfach besser geht.
    Und da es auch Tage gibt an denen ich meine Pizza abends ohne Reue genießen oder mein Ben and Jerrys Schlemmen kann ist das für mich mehr als Machbar.
    Insgesamt darf Essen einfach nicht so einen hohen Stellenwert einnehmen und nicht als Ersatz für etwas missbraucht werden.
    Man muss das finden, was zu einem passt und auch praktikabel im Alltag ist. Ich hab da mit Low Carb für mich das Richtige gefunden.

    1. Liebe Alex,
      Danke für Deinen Beitrag!
      Da das die Methode ist, mit der ich auch damals erfolgreich war, würde ich sagen: Wenn jemand unbedingt eine Diät machen will, dann halte ich das für am Erfolg versprechendsten.
      Langfristig halte ich Low Carb jedoch nicht für sonderlich alltagstauglich und stark einengend, wenn man nicht alleine lebt. Daran ändert auch der Cheat Day nichts. Die Regeln müssen an allen sechs Nicht-Cheat-Days irgendwie umgesetzt werden und das ist einfach schwierig und anstrengend und deshalb auch das erste, was in stressigen Lebensphasen wieder unter den Tisch fällt.
      Ich freue mich aber, dass Du für Dich einen guten Weg gefunden hast!
      Liebe Grüße 🙂

    1. Liebe Sarah,
      Ich hoffe auch für Dich, dass ich nicht recht habe, denn ich kenne das Gefühl nur zu gut und habe früher auf so einen Artikel ähnlich reagiert.
      Dein Ingwertee ist übrigens seit der Entdeckung auf Deinem Blog ein regelmäßiger Begleiter geworden!
      Liebe Grüße!

    1. Liebe Tina,
      Danke für die Rückmeldung! Ich vermute, dass wir nicht die einzigen sind, denen es durch die Diatenkarriere so geht/ging… Ich finde es immer noch tröstlich zu wissen, dass es eben nicht das eigene Versagen ist, was hinter der Gewichtsproblematik steht.
      Liebe Grüße,
      Heidi

  2. Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich hatte früher viele viele Diäten probiert und dann nach einer Essstörung damit aufgehört. Und würde auch nie mehr wieder damit anfangen.
    Ich wäre sehr froh gewesen, wenn mir damals jemand deinen perfekten Satz „Es ist nicht das eigene Versagen, wenn eine Diät nicht funktioniert. Diäten sind das falsche Werkzeug.“ gesagt hätte (obschon ich dem wohl kaum Glauben geschenkt hätte). Nun weiss ich das auch und ich finde es sehr schön, dass du deine Erfahrungen und Erkenntnisse hier teilst

    1. Liebe Goni,
      Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar! Freut mich sehr 🙂 Ich hätte das früher auch nicht ernst genommen… Es muss wohl erst die richtige Zeit kommen, um dafür empfänglich zu sein. Doch ich bin froh, dass sie kam!
      Liebe Grüße,
      Heidi

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